…Ich hatte es mir schon ein wenig gedacht, diese Heimlichtuerei, ich durfte nichts mitkriegen worüber beraten wurde in ihrem ,, Beratungs Kriesenstab“.
Gesprächsfetzen wie,, das geht so nicht mehr“, dann müssen wir uns abwechseln“ ,,wie stellt ihr euch das vor, ich bin da raus“ drangen an mein Ohr.
Traurigkeit machte sich in mir breit, ach warum hast du mich alleine hier zurück gelassen Ella, wir wollten doch zusammen gehen. Tränen liefen über seine faltigen Wangen.
Eines Morgens war es seiner Frau nicht gutgegangen, er hatte Lena angerufen und sie hatte sich auf den Weg gemacht und nachdem sie gesehen hatte in welchem Zustand sie war, den Krankenwagen angerufen der sie sofort in die Notaufnahme brachte. Sie klagte über schwere Schmerzen im Bauch und fieberte . Ihr Gesicht war fahl und auf ihrer Stirn stand kalter Schweiß.
Was genau ihr fehlte hatten sie mir Anfangs gar nicht gesagt, , doch dann hatte Lena sich verplappert und leise sagte sie dann: ,,Mama kommt nicht mehr nach Hause, der Krebs ist überall und sie können nichts mehr machen außer ihr genügend Schmerzmittel zu geben damit sie nicht leiden muss.
Sie senkte den Kopf ,nahm meine Hände in die ihren und unsere Tränen tropften auf den Tisch wo sie nasse Flecke auf der Tischdecke hinterließen. ,,Es tut mir so leid“ flüsterte sie.
Ich wollte nicht glauben und in lautem Ton fragte ich: Das kann doch nicht sein ,sie können nichts mehr tun, irgendwas muss man doch tun können um sie wieder gesund zu machen! Leise sagte sie: ,,Papa es tut mir so leid, ich habe mit dem Arzt gesprochen weil auch wir es nicht glauben wollten. Er hat uns alles genau erklärt, wir würden Mama damit nur quälen und ihr sterben hinauszögern und, sie machte eine Pause, es fiel ihr schwer zu sagen: ,,Mama wollte keine Chemo und auch sonst nichts mehr, das hat sie ausdrücklich zu dem Arzt gesagt.“
Mir wurde kalt, trotz der warmen Temperaturen, wie ein schwerer Eisenring legte sich die Angst um meinen Hals, nahm mir den Atem, ich konnte es nicht glauben , nach 55 Jahren Ehe, Freud und Leid würde ich sie jetzt verlieren? Gedanken schossen wie Blitze durch meinen Kopf.
Den Moment vor fast 60 Jahren würde er nie vergessen, als er sie das erste Mal angesehen hatte. Ihre braunen Augen mit den langen dichten Wimpern, der gesunden Hautfarbe und den kleinen Grübchen wenn sie lachte, ihre dunklen Locken die das hübsche Gesicht umrahmten. Ein Pfeil war durch sein Herz gefahren, hunderte Schmetterlinge flatterten durch seinen Bauch die Hände feucht und zittrig wie noch niemals zuvor da wusste er, dieses schöne Mädchen musste sein werden.
Schüchtern, mit zitternder Stimme hatte er sie angesprochen und gefragt ob er sie auf eine Limonade einladen dürfte. Mit roten Wangen und funkelnden Augen hatte sie ihn angesehen, mit dem Kopf genickt und um ihn war es geschehen.
Seit diesem Tag an waren sie unzertrennlich gewesen. Beide hatten eine Lehre gemacht und als er einen gut bezahlten Posten in einer Fabrik im Nachbarort bekommen hatte, war er zu Ella`s Vater gegangen und hatte um Ihre Hand angehalten.
Ein Jahr darauf hatten sie Hochzeit gefeiert und waren so glücklich in ihrem kleinen Zuhause. 3 Kinder hatten sie in den darauf folgenden Jahren bekommen, Lena, Peter und Uwe ein Nachzügler. Es hatte ihnen an nichts gefehlt ,Lena und Uwe hatten sogar studiert. Wie stolz war Ella auf ihre 3, ich natürlich auch ,wenn ich es auch nicht so zeigen konnte.
Jetzt lag diese schöne, starke Frau, seine Liebste dort im Krankenhaus und musste sterben. Wieder liefen heiße Tränen über die Wangen. Es schmerzte ihn so sehr das sie nie mehr zurück kommen würde.
Lena hatte noch mit ihm gegessen ,eine Scheibe Brot, mehr hatte er nicht herunter bekommen, so eng war seine Kehle.
Nebenbei lief der Fernseher doch er hörte gar nicht hin, war versunken in Erinnerungen und Gedanken. Müde ging er ins Bett und versuchte zu schlafen.
Das war jetzt schon drei Monate her und inzwischen war Ella ,sein Sternchen, gegangen. Sie hatte nicht mehr lange leiden müssen. Er war jeden Tag bei ihr gewesen um die Zeit die Ihnen noch blieb, gemeinsam zu verbringen.
Über vieles hatten sie noch gesprochen, wenngleich das wichtige schon vor langer Zeit geregelt war in einem gemeinsamen Testament, doch das war nebensächlich zu dem was sie sich noch sagen wollten, bevor sie ging.
Als der Tag des Abschieds gekommen war ,saßen alle an ihrem Bett und sie schlief im Beisein ihrer Liebsten, sanft und zufrieden ein, so wie sie auch im Leben gewesen war.
Leise und leer war es seitdem, ohne Sie. Er schaffte den kleinen Haushalt nicht, hatte auch keine Lust etwas zu tun, für wen, fragte er sich und blieb im Bett liegen. Er aß kaum, außer wenn eines der Kinder kam und ihm etwas mitbrachte.
Er schaute nach draußen in Ella`s Gartenparadies. Sie dreht sich im Grabe um wenn sie sehen würde wie ich alles verwildern lasse, dachte er schuldbewusst.
Wenn sie ihn besuchten, sah er ihre Sorge um Ihn. Ich will ihnen doch keine Last sein, sie haben ja auch ihre Arbeit und Familie, dachte er, doch er fühlte sich so allein und kraftlos ohne sein Sternchen, sie fehlte ihm so sehr.
Aus diesem Grund hatten die Kinder sich heute getroffen und setzten sich zu mir an den Tisch, Ellas Platz blieb frei.
Papa, sagte Lena, die Älteste:,, Wir Drei haben dich jetzt ein paar Monate hier im Haus gesehen und es macht uns ebenso traurig wie dich, das Mama nicht mehr bei dir ist und du mit allem hier alleine stehst.
Darum haben wir uns schon vor Wochen überlegt was wir tun könnten damit es dir wieder etwas besser geht und du nicht mehr so einsam bist.
Ganz in der Nähe haben wir ein schönes Haus gefunden mit Menschen denen es ähnlich geht wie dir. Wir möchten dich heute mitnehmen damit du es dir einmal ansehen kannst und ob du dir vorstellen könntest dorthin zu gehen, denn hier wollen wir dich nicht länger alleine lassen.
Trotzdem er damit gerechnet hatte ,gab es ihm einen Stich ins Herz.
Weg von hier, den Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben. Überall sah er sie, roch noch ihren Duft nach Veilchen und Vanille, hörte ihre Stimme die nach ihm rief und hoffte das sie durch die Tür kommen würde, ach Ella…
Langsam erhob er sich vom Stuhl und sagte seufzend: ,,dann lass uns mal fahren ,Kind“
Erstaunt sahen die drei sich an, sie hatten mit mehr Widerstand gerechnet.
Es nützt wohl nichts wenn ich Nein sage, oder? Hörte er sich sagen.
Erleichterung machte sich bei den Kindern bemerkbar, Lenas Miene hellte sich auf.
Der Weg war gar nicht weit ,nach einer viertel Stunde Fahrt bogen sie in eine Straße ein, das weiße Schild wies den Weg
,, Zur Waldresidenz am See“.
Ein hell gestrichenes Haus, mit vielen rot geränderten Fenstern, einem dicken Holz Tor , das wohl der Eingang war und einer großen Terrasse auf der Stühle, Tische und Liegestühle zum verweilen einluden, war der erste Eindruck den er hatte.
Dort saßen einige Männer und Frauen in seinem Alter, Besucher, vermutlich Kinder und Enkel, andere lasen die Zeitung oder spielten Karten.
Eher glich es einem Ausflugslokal als einem Altenwohnheim, war sein erster Gedanke.
Lena parkte das Auto, alle stiegen aus und gingen zum Eingang wo eine freundliche junge Frau sie lächelnd in Empfang nahm und mit den Worten begrüßte: ,,Herzlich Willkommen Herr Groß, es freut mich sie kennenzulernen, mein Name ist Ina Weller und ich leite unser gemütliches Zuhause.“
Möchten sie erst einmal Platz nehmen? Bei einer Tasse Kaffee lässt es sich doch besser plaudern, darf ich ihnen auch ein Stück Kuchen bringen den unsere Bewohnerinnen jeden Tag frisch backen?
Gerne, da sagt mein Vater nicht nein, für Kuchen ist er immer zu haben, antwortete Lena, die gesehen hatte das ich so schnell gar nicht antworten konnte. Ein wenig aufgeregt waren sie Alle, doch das legte sich bald.
Ich war angenehm überrascht, mein Herz klopfte schneller, es fühlte sich anders an als ich es erwartet hatte.
Unter dem Sonnenschirm, wo ich Platz genommen hatte, hörte ich die Blätter rascheln in den großen Bäumen und der Wind bewegte das Wasser im See in leichten Wellen.
Schön war es hier, das hätte Ella auch gefallen, dachte ich. Ob sie es mir übel nehmen würde wenn ich unser Zuhause verlassen würde? Hätte sie gewollt das ich nicht mehr so alleine wäre und mich so einsam fühlte ohne Sie? So viele Gedanken gingen mir gerade durch den Kopf . …
Papa, hörte er jemanden sagen, bis er verstand das man ihn meinte, Papa :,,gefällt es dir hier fragte Lena, die Jungs schwiegen und überließen wie schon immer das meiste ihrer großen Schwester.
Ja, da habt ihr einen schönen Platz für mich ausgesucht, sagte er mit zittriger, leiser Stimme, die Tränen vermuten ließen.
Es ist nicht weit in den Ort wo du dir eine Zeitung holen oder auch mal ein Bierchen trinken kannst, sagte Paul lächelnd , ich habe es schon ausprobiert.
Am Nachmittag fahren dann auch kleine Busse wieder hierhin zurück.
Kaffee und duftender Apfelkuchen kamen bald und bei einem netten Gespräch mit der Leiterin war schnell eine Stunde vorbei.
Darf ich ihnen denn jetzt einmal unser Haus und die Zimmer zeigen, fragte sie uns.
Gemeinsam gingen wir durch einen blitzsauberen, hellen Flur.
Keine unangenehmen Gerüche oder ähnliches, im Gegenteil. Auf einem weißen Bord an der Wand stand eine Vase mit Wildblumen und Kräutern, duftende Geißblatt Ranken, Rosmarin und Minze Geruch stieg mir in die Nase, daneben eine Schale mit roten dicken Äpfeln.
An den Wänden hingen Bilder in Acryl gemalt, Kohlezeichnungen und Aquarelle, diese sind alle von unseren Bewohnern selbst gemalt, sagte Fr. Weller .
Die meisten Produkte die wir für unser Essen hier brauchen, stammen aus eigenem Anbau. Das Gemüse, Salate, Kartoffeln, Kräuter und Obst bauen wir mit Hilfe unserer Bewohner, selbst an.
Jeder der im Garten, in der Küche und im Haus mithelfen möchte kann das jederzeit machen. Gerade die Herren sind bei den vielen kleinen Handwerklichen Problemen sehr hilfreich, wenn man mal wieder viel zu lange auf einen Handwerker warten muss, sagte sie schmunzelnd und kniff mir ein Auge zu.
So profitieren auch unsere jüngeren Angestellten vom Wissen der älteren Menschen und es ergibt sich eine win -win Situation für Alle.
Regelmäßig haben wir auch angemeldete Schulklassen der umliegenden Grund und Gesamtschulen zum regen Austausch hier, erzählte sie mit ein wenig Stolz in der Stimme.
Wir bieten PC und Handy Kurse, Sprachkurse, gemeinsame Sport Stunden ebenso wie Nähen, Kochen, Musik oder Arbeiten im Garten an.
Sie würden sich wundern wenn sie sehen wie gut alle einander tun und wieviel jeder vom anderen lernt, egal wie Jung oder Alt er ist.
Dieses neue Konzept eines Alters Wohnsitzes wird gut angenommen und unsere Gäste fühlen sich sehr wohl. Niemand fühlt sich hier abgeschoben oder nicht gebraucht sondern trägt seinen Teil zum Wohle aller bei.
Als unsere Runde beendet war, verabschiedeten Lena und ich uns von Fr. Weller ,dankten ihr nochmal und gingen zu den Jungs die im Gespräch mit ein paar Bewohnern am Tisch saßen, aufstanden und sich verabschiedeten als sie uns kommen sahen.
Als das Auto losfuhr ,sah ich noch einmal zurück ,bis das Haus in der Ferne verschwand.
Still war es, keiner wagte ein Wort zu sagen, jeder in seine Gedanken versunken und der Frage im Kopf, ob es Papa wohl gefallen hat?
Zuhause angekommen sagte Lena :,,Papa, schlaf mal eine Nacht darüber, besprich es mit Mama sagte sie augenzwinkernd und die nächsten Tage reden wir.
Sie nahm mich in den Arm, drückte mich fest und gab mir einen Kuss auf die Wange. Wir wollen doch das es dir gut geht, alle drei. Die Jungs klopften mir unbeholfen auf die Schulter und mit einem , Tschüß Papa, bis die Tage, fuhren sie davon.
Da war er wieder ,,Zuhause“, still und einsam. Schon lange fühlt es sich nicht mehr so an.
Aus dem Kühlschrank holte er sich eine kalte Flasche Bier, setzte sich auf die Terrasse und sah nachdenklich der Sonne zu, die so langsam hinter den Bäumen im goldenen Licht versank.
Schwer wurde sein Herz wenn er daran dachte, diesen seit so vielen Jahren vertrauten Ort zu verlassen, doch war er das überhaupt noch ohne Sie, oder nur eine Erinnerung daran.
Eine leise Stimme sagte ihm ,,Nein Willi, das ist es nicht mehr ,im Gegenteil, hier ist unser gemeinsames Leben zu Ende und Deines geht anderswo ohne mich weiter“.
Unsere Erinnerungen gehen mit dir an jeden Ort wohin du sie mit nehmen möchtest, die kann dir niemand nehmen.
Er wußte ,genau das hätte seine kluge Ella gesagt, immer fand sie die richtigen Worte, des Trostes ,der Freude auch dafür hatte er sie so geliebt.
Es war dunkel geworden ,er trank aus und ging nach oben um in einen tiefen erschöpften Schlaf zu fallen….
Ende Teil 1
Fortsetzung folgt



