Mara sitzt in einem kleinen Kaffee in der Fußgänger Zone und denkt daran das sie gleich den dicken Strauß roter Rosen, der neben ihr liegt, zu ihren Lieben bringen will.
Sie schaut sich um und denkt, noch genauso wie früher. Wie oft hat sie hier mit ihrer Mama gesessen, heiße Schokolade mit Sahne getrunken oder knusprige Waffelhörnchen ,die dick mit leckerer Sahne gefüllt waren, gegessen. Lang ist es her, doch es fühlt sich an als wäre es erst gestern gewesen.
Verstaubte alte Kronleuchter spenden sanftes Licht. Die dicken Teppiche schlucken alle Geräusche und die Bedienungen mit den weißen Schürzen, sehen aus wie aus einer anderen Zeit.
Ein freundliches junges Mädchen kommt zu ihr und fragt, welche Wünsche kann ich ihnen erfüllen? Einen Cappuccino und ein Stück Stollen hätte ich gerne, antwortet sie leise und denkt, meinen Wunsch kann mir leider niemand erfüllen.
Kaffee und der süße Duft der Weihnachtsplätzchen mit Zimt, Vanillin und Butter steigt ihr in die Nase. Wie früher zuhause, denkt sie wehmütig.
Aus dem Lautsprecher hörte sie leise Musik, Merry Christmas Mommy , can you hear, singt eine zarte Stimme und das Herz wird ihr schwer.
Weihnachten war immer etwas ganz besonderes für sie gewesen und sie erinnerte sich noch ganz genau an ihren ersten Weihnachtsbaum den sie in ihrem Leben gesehen hatte.
Stumm blickte sie nach draußen, doch ihre Augen nahmen nicht wirklich etwas wahr.
Die Einkaufsstraße der kleinen Stadt zeigte ein geschäftiges Treiben. Kinder schlittern auf der Schnee bedeckten Straße, Paare lachen und sahen sich verliebt an.
Jeder wollte noch schnell etwas besorgen, von dem man dachte das es noch fehlte, für ein gelungenes Fest.
Die letzten Geschenke, etwas zu Essen oder auch für jemand der einsam und traurig war, eine Flasche Schnaps, um die nächsten Tage zu ertragen.
Irgendwie konnte sie es verstehen, denn auch sie war dieses Jahr nicht in dieser schönen weihnachtlichen Stimmung wie all die anderen Jahre.
Die Schneeflocken wirbelten durch die Luft und das Licht änderte langsam seine Farbe. Von einem hellen kalten Tageslicht wechselte es immer mehr in ein schummriges, dunkler werdendes Gold.
In den flackernden Lampen der Laternen, tanzten die stärker gewordenen Schneeflocken. Auf den Dächern der kleinen Stadt war von den Ziegeln nichts mehr zu sehen. Es war als legte sich eine weiße kuschlige Decke über die Häuser und Menschen.
Neben sich hörte sie die Unterhaltung eines jungen Paares.
Seufzend sagte die Frau, oh Mann, ich wünschte wir hätten den ganzen Familienkram schon hinter uns ,ich hab null Bock mir die langweiligen Gespräche über früher ,den selbstgebackenen Kuchen die Kekse und das Essen anzutun.
Lieber würde ich auf der Couch liegen und daddeln oder Serien sehen. Nächstes Jahr hauen wir vor Weihnachten ab, das sag ich dir.
Wie alt sie wohl ist ? Denke ich still. Ihr Mann nahm sie in den Arm und sagte leise, ach Schatz deine Eltern freuen sie schon wochenlang darauf uns an Weihnachten zu verwöhnen. Warum bist du so grantig? Es ist doch nur der eine Tag und sie machen sich soviel Mühe mit allem . Wie enttäuscht werden sie sein, wenn du absagst.
Oh wie gerne würde ich diese Einladung bekommen, dachte sie mit Tränen in den Augen. Einmal noch Mamas leckere Kekse knabbern und einen warmen duftenden Kakao trinken.
Auf der Couch unter einer warmen Decke liegen, ihre Stimmen hören, die davon erzählten was in den letzten Wochen gewesen war, seid sie das letzte mal da war. Ihr Lachen, ein bisschen Weihnachtsmusik von den Schallplatten die sie auf dem alten Plattenspieler abspielten, dachte sie wehmütig.
Mit einem kleinen Taschentuch wischte sie die Tränen von ihren Wangen ,zahlte und ging hinaus.
Ja, so hatten sie bis vor einigen Jahren auch noch gedacht wenn sie an den Feiertagen zu Eltern und Schwiegereltern mussten. Es war immer ein hin und her, an Weihnachten.
Früher hat sich darum niemand Gedanken gemacht, nein, im Gegenteil alle hatten sich gefreut die Familie an Weihnachten wiederzusehen, zu lachen, Omas selbstgemachten Likör zu trinken und zusammen Zusein. Doch heute war es alles nur noch Stress, warum?
Als wir Kinder waren, gingen wir gemeinsam am 1. Weihnachtstag Nachmittags immer zu Oma Tina die im Nachbarort wohnte.
Ganz besonders schön war es wenn die Straßen mit einer festen Schneedecke bedeckt waren und wir mit dem Schlitten fahren konnten .
Wir freuten uns die Onkels, Tanten, Vettern und Cousinen zu treffen. Es gab nicht für alle Platz bei Oma am Tisch doch wir verteilten uns auf dem Boden , spielten mit den neuen Geschenken und waren glücklich.
Omas kleine Katze hatte sich aus Angst vor den lauten Stimmen längst unter einen Sessel verzogen um den Kinderhänden zu entkommen.
Wir waren eine große Familie, mein Vater hatte 4 Brüder mit ihren Frauen und allen Enkelkindern waren wir 18 Personen. Es gab selbstgemachten Beerensaft mit Wasser vermischt für die Kinder, Kuchen und so leckere Plätzchen die ich oft mit Oma in der Adventszeit gebacken hatte. Ihren Geschmack konnte ich noch heute im Mund spüren.
Wir wohnten mit meiner anderen Oma und Opa in einem Haus. Es gab nur ein Zimmer für uns, das als Küche und Wohnzimmer diente und einen gemeinsamen Schlafraum in dem meine Eltern und ich und später auch noch meine Schwester schliefen. Das war unser Zuhause.
Mein Vater arbeitete meist auch noch am heilig Abend. Er ging danach noch ein letztes Gläschen mit seinen Kollegen trinken aus dem auch schon mal 2 wurden.
So machte sich Mama nachmittags , wärend wir bei Oma ,,Wir warten aufs Christkind“ schauten, auf den Weg in den Wald und holte ein kleines Weihnachtsbäumchen für uns.
Am Abend mussten wir früh ins Bett. Einen Heiligen Abend gab es damals bei uns nicht. Das Christkind kam in der Nacht .
Draußen war es noch dunkel als wir wach wurden. Auf nackten Füßen schlichen wir die Treppe hinunter und lauschten hinter der Türe ob etwas zu hören war. Stille, Nichts..
Ins Bett ihr zwei, rief Mama von oben, das Christkind war noch nicht da. Erschrocken und enttäuscht tappten 4 kalte Füßchen wieder nach oben in das warme Bett.
Und dann war es soweit, der Glöckchen Klang weckte uns aus den Träumen . Aufgeregt trippelten wir die Stufen nach unten, öffneten im halbdunkel die Türe und sahen Ihn.
Ein Bäumchen, nicht mal einen Meter groß, stand in einem sandgefüllten Eimerchen auf dem Küchentisch.
Im Schein der flackernden Wachskerzen, die in goldenen Haltern standen, sahen wir die kleinen, glitzernden, bunten Kugeln am Baum hängen. Silbernes Stanniollametta funkelte im warmen Licht ebenso wie in unseren staunenden Augen.
Oh wie schön , mehr konnte ich nicht sagen, so verzaubert war ich. Nie in meinem Leben war ein Baum in meiner Erinnerung schöner als dieser kleine erste Weihnachtsbaum gewesen.
Traurig und immer wieder mit der Erinnerung und den Tränen kämpfend, ging Mara die Straße bis zum Friedhof hinauf. Ihr Atem hinterließ kleine weiße Wolken in der Kalten Abendluft.
Die Gräber waren schon bedeckt von einer dicken Schicht aus weißen Flocken. Ab und zu steckte eine rote Rose oder Zweige im Schnee, ein paar Kerzen bildeten Kreise von Licht .
Dann blieb sie stehen an dem Platz, an den sie ihre Eltern vor ein paar Monaten hatte bringen müssen. Die Viereckige Platte war das einzige was an die Beiden noch erinnerte. Sanft wischte sie die Namen auf dem Stein frei und sagte leise mit tränenerstickter Stimme
Ich wünsch euch Frohe Weihnachten im Himmel und hoffe ihr könnt mich hören, da wo ihr jetzt seid. Ich vermisse euch so sehr….
Vorsichtig um im tiefer gewordenen Schnee nicht auszurutschen, ging sie zurück zum Ausgang des Friedhofes. Am Tor stand ihr Mann und wartete auf sie. Er streckte die Arme nach ihr aus, nahm sie behutsam in den Arm und flüsterte leise in ihr Ohr, na mein kleiner Vogel ,alles ok?
Sie schaute ihn an und musste nichts sagen, sie kannten sich zu lange um etwas voreinander verheimlichen zu können.
Ja, es ist schwer, das erste Weihnachten ohne die Beiden aber Du bist bei mir und das macht es leichter mein Schatz. Danke
Sie nahmen sich fest in die Arme, küssten sich und gingen nach Hause wo ein wunderschöner Weihnachtsbaum mit den kleinen, alten Kugeln auf sie wartete.
Frohe Weihnachten ihr Lieben